Das Folgende ist ein Aufsatz, den ich kurz nach Morries Tod im Jahr 1995 für die Detroit Free Press geschrieben habe.
Lehrer bis zuletzt: Im Kampf mit einer tödlichen Krankheit lehrt uns ein Universitätslehrer im Sterben das Leben
Detroit Free Press | November 1995
Boston – Nicht mehr tanzen zu können, das sei das Schlimmste an dieser Art zu sterben, sagte er. Morrie war ein leidenschaftlicher Tänzer. Jahrelang suchte er regelmäßig einen Gemeindesaal nicht weit vom Harvard Square auf, wo einmal in der Woche schallende Musik gemacht wurde und die Türen allen offen standen, die tanzen wollten, ganz gleich, wie und mit wem. Morrie tanzte allein – Shimmy und Foxtrott, alte Tänze zu moderner Rockmusik. Er schloss die Augen und überließ sich dem Rhythmus, während er sich im Kreis drehte und dazu klatschte. Mitten unter lauter Studenten wiegte und schwenkte dieser alte Mann mit den blitzenden Augen und dem schütteren weißen Haar seinen Körper bis sein T-Shirt schweißnass war. Er war ein angesehener Soziologieprofessor mit einer Frau und zwei Söhnen. Er hatte Bücher geschrieben. Er hatte im ganzen Land Vorträge gehalten. Aber an diesen Abenden tanzte er ganz allein vor sich hin. Es war ihm nicht peinlich. Ihm war nie etwas peinlich. Für ihn war das nichts weiter als eine Art Reise nach innen.
Es sollte nicht seine letzte sein.
Tanzen konnte Morrie Schwartz in den letzten Jahren nicht mehr, wie er so vieles nicht mehr konnte, was mit körperlicher Bewegung verbunden ist: Autofahren, Wandern, Schwimmen, zur Toilette gehen. Er konnte sich nicht einmal die Tränen aus den Augen wischen. Das Lou-Gehrig-Syndrom hatte ihn in den Klauen, eine mörderische Krankheit, die einem ein Stück Leben nach dem anderen entreißt. Die Nerven sterben ab, die Muskeln werden schlaff. Arme und Beine gehorchen einem nicht mehr. Selbst das Schlucken wird zur Qual. Am Ende ist nur der Geist unberührt. Für die meisten ist das eher ein Fluch als ein Segen.
Für die meisten.
„Meine Krankheit“, sagte Morrie einmal, als er in seinem Sessel in seinem Arbeitszimmer in West Newton, Massachusetts lag, „ist der schrecklichste und der wundervollste Tod. Schrecklich, weil – nun, Sie brauchen mich ja nur anzusehen“ – er blickte an seinem verwüsteten Körper hinunter – „wundervoll, weil sie mir so viel Zeit lässt, Abschied zu nehmen. Und darüber nachzudenken, wo ich hingehe.“
„Und wo ist das?“, wurde er gefragt.
Er lächelte schelmisch.
„Ich melde mich dann.“
Die Kunst des Sterbens
Dies ist die Geschichte eines kleinen, mutigen Mannes, der mit dem Todesurteil in der Hand beschloss, sich nicht zurückzuziehen, sondern alle mitzunehmen auf seinem Weg, bis zur letzten Stufe; in den finsteren Keller hinunterzusteigen und uns über die Schulter hinweg zuzurufen, warum wir keine Angst haben sollten. Es ging ihm bei diesem Entschluss zunächst um die Menschen, die ihm am nächsten standen, seine Frau, seine Söhne, seine Kollegen an der Brandeis University und seine Studenten. Er wollte nicht von ihnen gemieden oder bemitleidet werden. Deshalb machte er den Schrecken zu etwas, das allen vertraut war.
Er machte das Sterben zu seiner letzten Lehrstunde.
Er schrieb jeden Tag, solange er seine Hände noch gebrauchen konnte, bis er 75 Reflexionen über das Leben mit einer tödlichen Krankheit beisammen hatte. Die gab er an Schüler und an Diskussionsgruppen weiter, die sich in seinem Haus versammelten. Er sprach darüber, den Tod als Teil der Natur anzunehmen, die Fassung zu bewahren, den Tod als die letzte Aufgabe zu sehen.
„Lerne sterben“, sagte er, „und du lernst leben.“
Noch ehe es vorbei war, wurden die Worte aus dem stillen Haus in einem Bostoner Vorort in den fernsten Winkeln der Medienwelt gehört – vor allem dank drei Auftritten von Morrie in Ted Koppels Sendung Nightline. Koppel hatte Morrie eines Tages getroffen und war, wie die meisten Besucher, sofort fasziniert von ihm. Nach der Sendung bekam Morrie Körbe voll Briefe, es gab sogar Leute, die mit dem Flugzeug von der anderen Seite der Welt anreisten, nur um ein paar Minuten an seiner Seite zu verbringen. Als der Tod näher kam, und Morrie sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen, sich nur noch mit Hilfe eines Trinkhalms ernähren konnte, begannen manche, etwas Mystisches in ihm zu sehen, ihn als menschliches Bindeglied zwischen dieser Welt und dem Jenseits zu betrachten. Andere fühlten sich einfach getröstet von seinem Lächeln angesichts unseres schlimmsten Alptraums.
Während die Zeit, die ihm noch blieb, immer kürzer wurde, nahm sein Einfluss zu.
Er hat mich beeinflusst.
Aber das war von Anfang an so.
Juli
Mein Mentor an der Universität
„Nimm einen Bagel.“
Er schob den Teller ungeschickt, mit zuckenden Fingern über den Tisch.
Ich kannte Morrie Schwartz lange, bevor er krank wurde. Er war mein Lieblingsdozent an der Universität, mein Mentor, mein Freund. In den vier Jahren meines Studiums an der Brandeis damals in den Siebzigern saß ich unzählige Stunden in seinen Seminaren oder lungerte vor seinem Büro herum.
„Was wollen Sie denn einmal anfangen?“, fragte er mich.
„Musik machen“, antwortete ich.
„Wunderbar. Gut. Aber was auch immer Sie tun, bleiben Sie ein Mensch. Verlieren Sie niemals Ihre Menschlichkeit. Werden Sie nicht wie so viele Ihrer Kommilitonen heute, denen es nur ums Geldverdienen geht.“
Er schauderte bei dem Gedanken. Morrie Schwartz, ein liebenswürdiger, stets zu Späßen aufgelegter Professor der Soziologie, der gelbe Rollis, Kordhosen und Rockport-Schuhe trug und keinen Funken Modebewusstsein besaß, lehrte seit 1959 an der Brandeis. Er beschäftigte sich in seinem Unterricht mit der psychischen Verfassung des Menschen – von ihm und einem Kollegen stammte ein bahnbrechendes Buch auf diesem Gebiet –, er beschäftigte sich mit den menschlichen Beziehungen und – später – mit der nuklearen Bedrohung. Er gehörte zu den Lehrern, die in den Sechzigerjahren den richtigen Ansatz sahen. Er war für die freie Meinungsäußerung; Gier und Krieg waren ihm verhasst. Während des Vietnamkriegs gab er einmal allen seinen Studenten Bestnoten, um zu verhindern, dass sie eingezogen wurden.
Morrie nahm mich auf, wie er in den nahezu vier Jahrzehnten als Lehrer Hunderte verwirrter Studenten aufgenommen hatte, indem er ihnen Ratgeber, philosophischer Vordenker und Ersatzvater war. Ich schrieb mich in jede seiner Veranstaltungen ein. Er betreute meine Abschlussarbeit. Als ich l979 mit dem Studium fertig war, kaufte ich ihm eine lederne Aktenmappe, die vorn mit seinen Initialen verziert war. Er ist der einzige Lehrer, dem ich je ein Geschenk gemacht habe.
„Ich liebe Sie“, sagte er an dem Tag, als ich meinen Abschluss machte.
„Lieber Gott, Morrie“, sagte ich verlegen, „Sie sind so eine Schmalznudel.“
Er lachte und sagte, er werde mich schon noch knacken, vielleicht sogar zum Weinen bringen.
Wieder Schüler
„Nimm einen Bagel“, sagte er wieder.
„Okay, okay, ich nehme einen Bagel.“
Ich biss hinein, und er lächelte, bevor er vorsichtig seine Gabel zum Mund führte. Er konnte jetzt nur noch weiche Nahrung zu sich nehmen, Gemüsekuchen und Suppe. Kauen war schwierig. Schlucken noch schwieriger. Leute von der Gesundheitsfürsorge mussten seinen Rollstuhl schieben, ihn auf die Toilette und wieder herunter heben. Er konnte nicht mehr allein baden, er brauchte Hilfe beim Anziehen.
„Weißt du, wovor mir am meisten graut?“, flüsterte er. „Wenn ich mir den Hintern nicht mehr selbst abwischen kann. Aus irgendeinem Grund macht mir das wirklich zu schaffen.“
Er seufzte.
„Aber es wird kommen. Ziemlich bald schon, fürchte ich.“
Peinlich? So war Morrie nun mal. Keine Geheimnisse. Keine Tabus. Ich hatte ihn sechzehn Jahre nicht mehr gesehen. Jetzt war er 78. Als in der Sendung Nightline sein Gesicht auf dem Bildschirm erschien – „Heute Abend lehrt uns ein Universitätsprofessor das Sterben“ –, war ich fassungslos. Ich flog zu ihm, und er empfing mich im Rollstuhl mit einer Decke über den Knien trotz der Sommerhitze. Sein Haar war dünner und seine Haut blasser, als ich in Erinnerung hatte, aber ich hätte ihn überall erkannt. Morrie, der Sohn armer russischer Einwanderer, konnte so herzlich lächeln, dass jeder sich sofort angenommen fühlte.
„Ah, mein alter Freund“, sagte er und hob die Hände, um sich umarmen zu lassen.
Als ich ihn in die Arme nahm, spürte ich, wie dünn er geworden war. Er hatte kaum noch Fleisch auf den Knochen. Seine Stimme klang kratzig. Später erfuhr ich, dass die Krankheit bereits ziemlich weit fortgeschritten war. 1992 hatte Morrie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Er litt an Schlaflosigkeit. Dann hatte er Schwierigkeiten beim Atmen – was er zunächst seinem Asthma zuschrieb -, dann fiel es ihm schwer, längere Strecken zu Fuß zu gehen. Auf der Geburtstagsfeier eines Freundes stolperte er beim Tanzen. Wenn er eine Treppe hinaufging, musste er eine Verschnaufpause einlegen, bevor er sie wieder hinuntergehen konnte.
Die Ärzte erklärten beharrlich, es sei eine Muskelsache. Er wurde geröntgt. Sein Knochenmark wurde untersucht. Schließlich stieß er auf einen Arzt, der meinte, es handle sich um ein neurologisches Problem. Verschiedene Untersuchungen wurden gemacht. Und man kam zu einem neuen Urteil.
„Amyotrophe Lateralsklerose“, sagte der Arzt. „ALS. Lou-Gehrig-Syndrom.“
Morrie kannte Lou Gehrig, den Baseballspieler, noch aus seiner Jugend in New York. Und er wusste, dass er gestorben war.
„Die Krankheit führt zum Tod?“, fragte Morrie.
Ja, antwortete man ihm.
Gibt es ein Heilmittel?
Nein.
„An dieser Stelle, musste ich mich entscheiden“, erinnerte er sich jetzt. „Ich konnte gegen die ganze Welt wüten, alles von mir weisen und fragen: Warum gerade ich? Oder ich konnte sagen, Vielleicht mache ich durch diese Krankheit neue Erfahrungen, an denen ich andere teilhaben lassen kann. Ich entschied mich für das Letztere. Ich versuche einfach, in der Zeit, die mir noch bleibt, das Leben in all seiner Fülle zu leben. Wenn ich sterbe, heißt das noch lange nicht, dass ich nur noch nehmen kann. Ich kann auch geben. Ein weiser alter Yogi hat einmal gesagt: ‚Alle wissen, dass sie sterben müssen, aber keiner glaubt es.’“
Er zog die Augenbrauen hoch. „Tja, ich glaube es jetzt. Ich weiß, dass ich sterben werde. Ich möchte nur selbst entscheiden, wie. Wütend? Schreiend und schlagend um mich schlagend? Oder vielleicht ruhig, Hand in Hand mit Menschen, die ich liebe? Ich bin mir nicht sicher.“
Er hob den Gemüsekuchen zum Mund und kaute ihn zu matschigem Brei. Ich musste lächeln. Früher, an der Uni, hatten wir uns hinter seinem Rücken über seine nicht unbedingt appetitliche Art zu essen lustig gemacht. Er redete vor lauter Enthusiasmus gern mit vollem Mund. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er sich durch ein Sandwich mit Eiersalat palaverte, dass Spucke und Eierfitzelchen in die Runde sprühten. Aber er war liebenswert in seinem unappetitlichen Eifer. Solange ich ihn kannte, wollte ich immer zwei Dinge tun: ihn umarmen und ihm eine Serviette in die Hand drücken.
Hier, in der Küche seiner letzten Lebensmonate, hatte sich nichts geändert.
Und doch hatte sich alles geändert.
„Kommst du wieder?“, fragte er, nachdem wir stundenlang miteinander geredet hatten und ich mich zum Gehen fertig machte.
„Aber klar, jede Woche“, scherzte ich.
„Okay, jede Woche“, sagte er schnell. „Für dich nehme ich mir die Zeit. Du warst immer einer von den Guten.“
Ich ging, geschmeichelt und leicht durcheinander. Aber in der nächsten Woche kam ich wieder.
Und immer wieder.
Ich war offiziell bei ihm eingeschrieben.
August
„Das Leben ist da, wo die Menschen sind“
Vor seinem Fenster waren standen saftig grüne Tannen. Der August war schwül. Aus der Ferne hörte man die Rasenmäher und das Geschrei der Kinder, die ihre Sommerferien genossen.
„Mach die Tür zu, es ist ein bisschen kalt“, sagte er.
Ich schloss die Tür. Es war nicht kalt. Morrie saß in seinem Büro in seinem Spezialsessel, bei dem die Höhe durch Knopfdruck verstellbar war, so dass die Pfleger Morrie leichter heraus- und hineinheben konnten. Mit dem Rollstuhl kam er jetzt nur noch schwer zurecht. Er konnte seine Beine nicht mehr gebrauchen und die Arme nicht höher als bis zu seinem Gesicht heben. Die Kosten für die Pflege zu Hause waren astronomisch, und die Versicherung zahlte nur einen Teil. Die Krankheit beraubte ihn also nicht nur seiner körperlichen Fähigkeiten, sondern auch seiner Ersparnisse.
Trotzdem lehnte er es ab, in ein Krankenhaus zu gehen, und wollte auf keinen Fall von Maschinen am Leben erhalten werden. „Das ist kein Leben“, sagte er. „Das Leben ist da, wo die Menschen sind.“
Er lächelte, als ich eintrat – wie er jede Woche lächelte -, und ich drückte meine Wange an sein weiches Gesicht. Ich hörte ihn mühsam atmen.
„Du liest immer noch die Nachrichten?“, fragte ich, als ich unter seiner Lesebrille die Zeitung bemerkte.
„Ich versuch’s“, antwortete er.
„Wozu die Mühe?“
Ich merkte sofort, wie unmöglich das klang.
„Du hast schon recht, ich bin ja nicht mehr lange hier. Andererseits fühle ich mich auf eine besondere Art gerade den Menschen tiefer verbunden, die hier auf der Erde leiden, die durch Mörderbanden Vertreibung und Tod ausgesetzt sind. Wenn es den Tod für dich selbst gibt, dann gibt es ihn auch für andere.“
Ich fragte, ob ihn bestimmte Meldungen stärker beschäftigten als andere.
„Ja, die über Bosnien. Wenn ich manchmal am Fernseher sitze und die Bilder dieser armen Menschen sehe, fange ich an zu weinen und kann nicht mehr damit aufhören.“
Morrie hatte immer die Fähigkeit besessen, den Schmerz anderer nachzufühlen, vielleicht weil er selbst soviel Schmerz erlebt hatte. Er wuchs in New York auf, hinter einem Süßwarenladen auf der Lower Eastside. Sein Vater – der starb, nachdem er überfallen und ausgeraubt worden war – hatte eine Teilzeit-Arbeitsstelle als Kürschner und verdiente kaum genug, um die Familie durchzubringen.
Morries Mutter starb, als er 8 Jahre alt war. Sie war krank und die meiste Zeit ans Bett gefesselt. Eines Tages musste sie ins Krankenhaus und kehrte nicht mehr zurück. Im Laden wurde ein Telegramm abgegeben. Morrie musste es seinem Vater vorlesen.
Mutter war tot.
Siebzig Jahre später weinte er immer noch.
„Das ist der Grund, warum ich nie genug davon bekomme, angefasst oder im Arm gehalten zu werden“, sagte er bei einem meiner Besuche, als die Tränen wieder zu fließen begannen. „Weißt du, wie das ist, als kleiner Junge keine Mutter zu haben?“
Wie zum Ausgleich bekam er dafür jetzt umso mehr Liebe. Als bekannt wurde, dass Morrie krank war, besuchten ihn alle: Kollegen, ehemalige Studenten, alte Freunde – ein schier endloser Pilgerzug. Morries Frau Charlotte, mit der er seit 44 Jahren verheiratet war, sah ungläubig zu, wie er einen Termin nach dem anderen machte, ohne Pause, um zwei, um drei, um halb vier und immer so fort. Sie sorgte sich um seine Gesundheit, fürchtete, die vielen Menschen könnten ihn ermüden, aber sie wusste auch, dass er sich genau das wünschte. Zu reden. Zu lernen. Vor allem aber, mit anderen zu teilen, was ihm zuteil wurde.
Ich fragte ihn einmal, was für Worte er gern auf seinem Grabstein hätte. Er überlegte kurz, dann sagte er: „Lehrer bis zuletzt.“
Er sah mich an und zwinkerte. „Nicht schlecht, hm?“
In solchen Augenblicken hätte man glauben können, er werde ewig leben. Aber dann hustete er und rang keuchend nach Atem, und man wusste, dass es nur ein schöner Traum war.
September
Das erweiterte Klassenzimmer
„Bevor ich mit Ihnen spreche, muss ich einiges über Sie wissen, Ted.“
Der Gast, Ted Koppel, war verblüfft. Dass ihm vor einem Interview Bedingungen gestellt wurden, war er nicht gewöhnt.
„Was wollen Sie denn wissen?“, fragte er.
„Erzählen Sie mir etwas, das Ihnen von Herzen kommt“, sagte Morrie.
Koppel überlegte einen Moment, dann erzählte er von seinen Kindern. Morrie beobachtete ihn. Nickte bedächtig.
„Jetzt erzählen Sie mir etwas über Ihren Glauben.“
Koppel wand sich. „Über solche Dinge spreche ich eigentlich nur mit Leuten, die ich näher kenne.“
Morrie verdrehte die Augen über den Bifokalgläsern. „Ted“, sagte er, „ich habe nicht viel Zeit.“
Koppel lachte, er taute auf. Das war bei dem ersten Treffen der beiden im späten Frühjahr dieses Jahres. Bei Nightline war man durch einen Bericht im Boston Globe auf Morrie aufmerksam geworden, und Koppel war nach Boston geflogen, um ihm eine ganze Show widmen. Morrie blieb natürlich ungeschminkt und wechselte nicht einmal das Hemd. Die Show hatte die höchsten Einschaltquoten.
Das Team kehrte zurück, um eine Anschluss-Sendung zu drehen. Auch die wurde gut aufgenommen. In beiden Sendungen las Morrie, der an der Universität von Chicago promoviert hatte, einige seiner Reflexionen vor. So etwa:
Sprich mit jedem, der mit dir sprechen will, offen über deine Krankheit.
Suche die Antworten auf ewige Fragen, aber sei darauf vorbereitet, dass du sie nicht finden wirst. Suche mit Freude.
Sei dankbar, dass dir die Zeit gegönnt wurde, sterben zu lernen.
Er sagte zu Koppel: „Bald wird mir jemand den Hintern abwischen müssen“ – und fragte dann, ob es in Ordnung sei, das im Fernsehen zu sagen.
Nach der ersten Show gab Koppel Morrie die Hand. Nach der zweiten umarmte er ihn. „Ich knacke ihn“, prahlte Morrie.
Koppel erklärte, er wolle eine dritte Sendung machen, könne aber noch nicht genau sagen, wann. Als die ersten Herbstwinde wehten, wurde die Stimmung im Haus Schwartz düsterer. Die Pfleger schüttelten den Kopf, wenn man sie fragte, wie es Morrie gehe. Niemand sprach vom Fernsehen.
„Ich glaube, die Leute von Nightline“, sagte Morrie mühsam atmend, „warten bis ich – auf der Schwelle des Todes stehe. Das macht mehr – Effekt.“
„Macht dich das nicht wütend?“, fragte ich. „Wie sie dich benutzen.“
Morrie verdrehte die Augen. „Wenn sie mich benutzen, benutze ich sie genauso. Ich erreiche mehr Menschen als je im Hörsaal.“
Morrie verfiel zusehends im Lauf dieser Wochen. Wir aßen nie mehr in der Küche. Sein ganzes Leben spielte sich in zwei Räumen ab, dem Arbeitszimmer und dem Schlafzimmer. Er war seit langem nicht mehr draußen im Freien gewesen und würde auch nie wieder hinausgehen, nur wusste ich das damals noch nicht.
Dafür sah er sich die Tannen vor dem Fenster an und den kleinen Hibiskus auf dem Fensterbrett. Er betrachtete die rosafarbenen Blütenblätter mit der gleichen tiefen Freude, mit der er Musik hörte, Opernmusik vor allem. Sie brachte ihn zum Weinen. Er las Bücher. Und er las die Post, Briefe von fremden Menschen, die ihm alles Gute wünschten.
Eines Tages sagte er, er habe noch einen Monat, und ich entgegnete, er sei ja verrückt, woher er das wissen wolle.
Er lächelte nur und zuckte mit den Schultern. Mehrmals in der Woche meditierte er mit einem Lehrer und dachte, einem buddhistischen Vorschlag folgend, jeden Tag ein wenig an den Tod.
„Du stellst dir vor, es säße ein kleiner Vogel auf deiner Schulter“, sagte er, „und du fragst in jeden Morgen: Könnte heute mein Todestag sein?“
Keine Zeit aufzugeben
Das mag alles schrecklich klingen, aber Morrie hat es nicht so gesehen. Er sah es als ein „großes Abenteuer“. Wir fanden, unsere wöchentlichen Gespräche seien zu kostbar, um sie einfach dem Vergessen preiszugeben, und begannen deshalb, sie aufzuzeichnen, um eventuell ein Buch daraus zu machen. Die Idee stammte von Morrie. „Unsere letzte gemeinsame Arbeit“, sagte er.
Er nahm jetzt fast ausschließlich flüssige Nahrung zu sich, ballaststoffhaltige Getränke und Säfte, manchmal ein in Milch eingeweichtes Kleiebrötchen. Er hatte ein Sauerstoffgerät, das er hasste, aber benützte, um sich das Atmen zu erleichtern. Man hatte einen Nachtstuhl ins Zimmer gestellt (er wirkte völlig absurd zwischen den Regalen voller gelehrter Bücher und Papiere), und ehe der Monat um war, musste Morrie ein Katheter gelegt werden, weil es zu anstrengend für ihn war, zum Wasserlassen die Toilette aufzusuchen. Der kleine Beutel hing unten an seinem Stuhl und füllte sich langsam mit Flüssigkeit.
„Ist es dir unangenehm?“, fragte er.
„Nein“, log ich. Morrie wollte mit seiner Krankheit niemandem zur Last fallen. Er hat nie verlangt, dass seine Söhne – Robert, der in Tokio lebt, und Jon, der in Brighton, Massachusetts lebt – alles stehen und liegen lassen, um ständig an seiner Seite sein zu können. Er hat nie verlangt, dass Charlotte ihre Arbeit am MIT aufgibt. „Weshalb sollten sie meinetwegen alles aufgeben?“, sagte er einmal. „Dann würde die Krankheit nicht nur ein Leben kosten, sondern gleich vier.“
Er tröstete sich, indem er Zeit mit seinen Besuchern verbrachte. Und mit dem Verfassen von Aphorismen über den Umgang mit einer tödlichen Krankheit.
„Möchtest du den neuesten hören?“, fragte er mich.
Ich nickte.
“Leg dich ins Bett und du liegst schon im Grab.”
Er lachte. “Deshalb sitze ich in meinem Arbeitszimmer.”
Bei einem meiner Besuche fand ich, ich müsste alles miterleben, was Morrie durchmachte, ohne auf Zimperlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Ich fragte, ob ich ihm auf den Nachtstuhl helfen dürfe.
Der Pfleger und ich hoben ihn zusammen hoch und zogen die lose sitzende Jogginghose herunter, die ganz leicht von ihm abfiel. Morries Haut war beinahe kreideweiß, runzlig und schlaff. Wir ließen ihn auf den Sitz hinunter. Sein Magen knurrte und gab Geräusche von sich, die unter anderen Umständen peinlich gewesen wären.
Aber Morrie war ungerührt.
„Los geht’s“, flüsterte er. „Wie ein Baby – stimmt’s?“
Ja, körperlich wurde Morrie einem Kind immer ähnlicher, als es dem Ende zuging. Er musste gefüttert werden. Er musste gewaschen werden.
Und er konnte sich den Hintern nicht mehr selbst abwischen.
„Zuerst war ich wütend“, sagte er dazu, „aber ich wusste auch, dass Wut mich nicht weiterbringen würde. Also, was tat ich? Ich beschloss, meine Abhängigkeit anzunehmen. Ich beschloss, es zu genießen, von anderen umsorgt zu werden, mir die Haare waschen, die Füße massieren und in Gottes Namen den Hintern abwischen zu lassen. Und soll ich dir sagen, was ich entdeckt habe? Als Kinder bekommen wir nie genug davon. Es steckt in uns, dieses Gefühl der Geborgenheit, wenn wir fürsorglich angefasst werden. Ich habe beschlossen, darin zu schwelgen.“
Da saß er auf seinem Nachtstuhl, mein alter Lehrer, und schaffte es, immer noch zu lächeln. Wie konnte sich da einer von uns beklagen.
Oktober
Keine Furcht
„Schlagen Sie härter zu“, sagte der Therapeut, „trommeln Sie auf seinen Rücken.
Morrie lag zusammengekrümmt auf der Seite, schlaff wie eine Puppe. Der Therapeut zeigte einem neuen Pfleger, wie er den Stau in der Brust lösen konnte. Ich versuchte es auch, ich schlug, dann ließ ich Morrie atmen, dann schlug ich wieder, ließ ihn atmen.
„Du – wolltest mich immer schon – mal prügeln“, krächzte er.
„Eigentlich nicht“, widersprach ich.
Die Besuche waren kürzer geworden, und manchmal saßen wir nur beieinander. Morrie konnte nur noch stockend sprechen und wurde nach etwa einer halben Stunde müde. Er bekam Morphiumspritzen und hustete fürchterlich. Ich wischte ihm den Schleim vom Mund. ALS ist eine schleichende Krankheit, die sich des ganzen Körpers bemächtigt, die Muskeln verkümmern lässt und schließlich den Sieg davonträgt, wenn sie die Atmungsorgane angreift. Sie raubt einem buchstäblich den Atem. Technische Geräte können das Leben verlängern – der Autor und Physiker Stephen Hawking lebt seit zehn Jahren im Zustand der Lähmung –, aber ohne sie, tritt unvermeidlich der Tod ein.
Und die Lunge ist der wunde Punkt.
„Neulich Nacht ... hatte ich einen Hustenanfall“, erzählte mir Morrie bei einem meiner Besuche. „Und ich dachte ... das wär’s gewesen ...“
„Hattest du nicht furchtbare Angst?“
„Nein ... zuerst, ja, da hatte ich Angst ... aber dann habe ich mich auf die Angst konzentriert ... und habe sie von mir abgespalten ... Es war, als stünde ich neben mir ... und da habe ich mich beruhigt.“
Morrie hatte sich hinsichtlich seines Todes schon entschieden. Er wollte heiter und gefasst sterben. Kein Aufbegehren. Kein wütender Kampf gegen die Nacht. Er wollte die Menschen, die er liebte, in seiner Nähe haben und ruhig über die Schwelle schreiten, ohne Schrecken für die, die er zurückließ. Er sagte, er fürchte den Tod nicht um so mehr, sondern um so weniger, je näher er komme.
Und wie stand es mit Gott, eine Idee, die er sich eigentlich nie zu eigen gemacht hatte?
„Ich habe ... inzwischen ... ein paar Zweifel“, sagte er verschmitzt. „Ich hoffe ... ich bekomme eine Antwort ... bevor ich verschwinde.“
Über so vieles hatten wie in den vergangenen Monaten gesprochen – über die Gesellschaft („Wir müssen uns als Teil einer einzigen großen Gemeinschaft sehen, sonst sind wir alle verloren,“), über Begräbnisse („Was hat das für einen Sinn, wenn hinterher die liebenswürdigsten Dinge über einen gesagt werden; ich möchte sie hören, solange ich noch am Leben bin.“), selbst über die Wiedergeburt („Ich möchte als Gazelle wiederkommen.“).
Aber als die Tage vergingen, und er immer schwächer wurde, empfand ich eine schreckliche Leere. Koppel und das Nightline-Team kamen, um ihre letzte Sendung zu machen. Es war vielleicht die bewegendste von allen. Am Ende des Drehs küsste Koppel Morrie.
Als ich am letzten Dienstag im Oktober, an Allerheiligen, ins Haus kam, war Morries Arbeitszimmer leer.
Er lag im Bett.
Alle seine Termine waren abgesagt worden. Ich war der Einzige, den man zu ihm ließ. Unter der Decke bewegte er die Finger, ich griff darunter und fand seine Hand. Ich hielt sie fest und sah, wie sein Gesicht den stillen Ausdruck eines Kindes annahm, das gleich zu weinen anfängt.
November
Die letzte Lehre
Vor acht Tagen ist Morrie gestorben.
Er starb so, wie er es gewünscht hatte, heiter, im Schlaf. Seine nächsten Angehörigen waren bei ihm, und obwohl der Arzt sagte, „es kann jeden Moment soweit sein“, hielt Morrie noch einen ganzen Tag durch. Er war ohne Bewusstsein, und sein Herz, das die ganze Arbeit tat, zu der die Lunge nicht mehr fähig war, schlug unermüdlich, bis seine Angehörigen in die Küche gingen, um sich ein paar Minuten zu erholen.
Da – und ich glaube es war Absicht – ließ er los, so dass niemand sehen musste, wie er starb.
Die Beerdigung fand in kleinem Kreis statt, wie Morrie und Charlotte gewünscht hatten. Der Wind war kalt und der Himmel grau. Sein Grab lag an einem grasbewachsenen Hang über einem kleinen See. Ich dachte an ein Gespräch zurück, das wir im letzten Monat geführt hatten.
„Ich hoffe, du kommst mich besuchen, wenn ich tot bin“, hatte er gesagt.
„Besuchen?“
„An meinem Grab. Ich habe mir ein wunderschönes Fleckchen ausgesucht, wo du dich hinsetzen und mir deine Fragen stellen kannst. Ich weiß nicht, wie ich sie beantworten soll, aber ich wird’s versuchen.“
Immer noch zu Späßen aufgelegt.
Unglaublich.
Es gibt ein Gedicht von W. H. Auden, das Morrie sehr mochte. Es heißt Funeral Blues und enthält die folgenden Zeilen:
Er war mein Nord, mein Süd, mein Ost und West
Meines Alltags Arbeit und meines Sonntags Fest
Mein Wort und mein Lied, mein Mittag, meine Nacht
Liebe, dacht ich, währt ewig; es war falsch gedacht.
Es ist bewegend, aber, wie Morrie sagte, es stimmt nicht. Er glaubte fest daran, dass die Liebe ewig besteht. Sie kann nicht sterben. Das war es, was er uns lehren wollte. Wie unser Leben unser Sterben bestimmt, dass alles, was wir hinterlassen, das ist, was wir anderen gegeben haben.
Die zahllosen fremden Menschen, die Morrie Schwartz gegen Ende seines Lebens kennen lernten, scheinen durch die Erfahrung bereichert – und die, die ihn lieben, bedienten sich seiner Lehren, um ihren Schmerz zu lindern.
Ich stelle mir Morrie jetzt vor und sehe keine Krankheit, keinen verwelkten Körper, keine runzelige Haut oder zerbrechliche Knochen. Ich sehe Monde und Sterne und Planeten, und ich sehe ihn im Himmel tanzen.
Die Reflexionen
Nimm die Ungewissheiten, Widersprüche und die Spannung der Gegensätze in deinem Leben an.
Spiele mit der Vorstellung und dem Gefühl, dass die Entfernung zwischen Leben und Tod vielleicht nicht so groß, ist wie du glaubst.
Sprich offen über deine Krankheit – mit allen, die mit dir darüber sprechen wollen.
Widersteh der Versuchung, dich als nutzlos zu sehen. Das führt nur in die Depression. Finde deinen eigenen Weg, nützlich zu sein und dich nützlich zu fühlen.
Wenn du über die Verluste an deinem Körper geweint und getrauert hast, halte die Fähigkeiten und das Leben in Ehren, die dir geblieben sind.
Hüte dich vor dem schleichenden Drang, dich von der Welt zurückzuziehen, und widerstehe ihm.
Lass dich von Traurigkeit, Kummer, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Bitterkeit, Wut, Groll – allen negativen Gefühlen, die in dir aufsteigen – durchdringen. Bleibe bei ihnen, solange du kannst oder bis sie den natürlichen Lauf der Dinge nehmen. Aber versenke dich nicht in sie. Kehre, sobald du kannst, wieder ins tägliche Leben zurück.
Sei dankbar, dass dir die Zeit gegönnt wurde, sterben zu lernen.
Nimm Passivität und Abhängigkeit an und gib dich ihnen hin, wenn es nicht anders geht. Aber sei selbständig und bestimmt, wenn du es sein kannst und musst.
Wenn dir keine großen Siege oder Leistungen gegönnt sind, sei dankbar und feiere die kleinen.
Finde heraus, was dir heilig ist. Pflege es, oder diene ihm auf deine Art.
Jetzt ist die Zeit für einen Lebensrückblick, die Zeit, Wiedergutmachung zu leisten, alten Schmerz zu benennen und loszulassen, sich mit ungeklärten Beziehungen auseinander zu setzen, Unerledigtes abzuschließen.
Lerne leben und du wirst sterben können; lerne sterben und du wirst leben können.





